Sie befinden sich hier:
| Institut 3L | Dokumentationen | FT Wut 23.10.2019 Jena

Rückblick auf den Fachtag „Und dann bekomme ich eine Wut! - …und dann?“ am 23.10.2019 im Akademiehotel der TSA Bildung und Soziales gGmbH in Jena.

Die Verhaltensbiologin und Ethnologin Frau Dr. rer. nat. habil. Gabriele Haug-Schnabel führte durch den Fachtag.

Sie leitet die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen (FVM) in Kandern.

 

 

 

Zu Beginn des Fachtags führte uns Gabriele Haug-Schnabel anhand eines gleichsam alltäglichen wie berührenden Beispiels die Wirkung von Etikettierungen auf Kinder anschaulich vor Augen:

Ein 4-5-jähriger Junge, der beim Besuch seiner Kita umgehend die fremde Besucherin anspricht und sie fragt: „Weißt du schon, wer ich bin?“ Nach ihrem Verneinen teilt er ihr mit: „Ich bin der, der immer eine Wut kriegt.“

Der Junge weiß nicht nur sehr genau, dass er häufig wütend wird, er weiß auch, dass er deswegen im Gespräch der Erwachsenen immer wieder vorkommt und man ihn kennt.

Ein Blick auf die Gefühlsentwicklung bei Kindern zeigte uns, dass sich Wut und Traurigkeit später als die Gefühle Freude, Angst, Ekel und Interesse ausbilden. Wut und Traurigkeit treten erst etwa 2 Monate nach der Geburt auf, da Babys erst Störendes und Durcheinanderbringendes erleben müssen, um einen Anlass für diese Gefühle zu haben. Erst wenn ich eine Unordnung in meinem gewohnten System erlebe, stört es mich bzw. macht es mich traurig, dass der liebgewonnene Zustand nicht (mehr) eintritt.

Dem Facial Action Coding System (FACS) nach Paul Ekman zufolge werden die 7 genetisch bedingten Emotionen Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung kulturübergreifend verstanden. Wut, Ekel und Angst sind zudem sozial ansteckende Emotionen. Insbesondere die Wut ist individuell variabel und sehr stark ausdifferenziert, v.a., um sie in sozialen Kontexten schnell zu erkennen.

Kinder brauchen für die eigene Selbstbildung und Selbstwerdung die Spiegelung ihrer Gefühle: Das menschliche Selbst entsteht durch die Resonanz zwischen dem heranwachsenden Kind und seiner erwachsenen Bezugsperson. Die Entwicklung einer Deutungskompetenz gegenüber den individuellen Gefühlen der ihnen (anvertrauten) Kinder, „um sie lesen zu lernen“, ist eine bedeutende Aufgabe der Erwachsenen: Je nach Tagesform, Uhrzeit, beteiligter Spielpartner oder Bezugspersonen, Situation und Kontext, etc. gelingt es den Kindern mehr oder weniger gut, ihre eigenen Gefühle spüren, einordnen und als Botschaft für ihr Verhalten annehmen zu können. Je klarer wir als Erwachsene in der Lage sind, die Gefühlslagen von Kindern wahrzunehmen und einzuschätzen, desto leichter fällt es, Kindern rechtzeitig eventuell notwendige Regulationshilfen anzubieten. Insbesondere Kinder, die „aus dem Rahmen fallen“, haben die Grenzen ihrer Regulationsfähigkeit erreicht und brauchen Unterstützung durch außen, um Halt zu bekommen und sich beruhigen zu können. Gerade das Gefühl der Wut zeigt klar an, dass ein Kind in einer bestimmten Situation seine Grenze erreicht hat und in diesem Kontext nicht anders reagieren kann („Alles, was ein Kind tut, tut es in guter Absicht für sich selbst“, vgl. Petra Evanschitzky). Dieses Wut-Gefühl zeigen zu dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden, ist der erste wertschätzende Schritt, den Erwachsene in diesen Situationen tun können (Erst nach dem „Abkühlen“ der emotionalen Lage und ab einem gewissen Alter kann eine sinnvolle Erarbeitung kognitiver Strategien zur Regulierung von Stresssituationen mit Kindern erfolgen.). Eine besondere Bedeutung kommt hier dyadischen Situationen zu, in denen dem betreffenden Kind durch eine 1-zu-1-Zuwendung das Gefühl des Gesehen- und Verstanden-Werdens vermittelt wird. Damit wird das Gefühl des Kindes für sich selbst gestärkt. Es erfährt, richtig zu sein und lernt nach und nach durch die Zuwendung von außen, sich mehr und mehr mit fortschreitendem Alter selbst in ähnlichen Situationen zu beruhigen bzw. schon im Vorfeld geeignete Maßnahmen einzuleiten, die besänftigend wirken. In diesem Zusammenhang betonte Dr. Haug-Schnabel die Bedeutung der Raumgestaltung, da eine wohlüberlegte und an den Bedürfnissen der Kinder angepasste Strukturierung von Räumen, Ecken, Stellen und Plätzen nicht nur vielfältige und individuell passende Entwicklungsanregungen ermöglicht, sondern auch auf die Gefühlslage der Kinder regulierend einwirken kann. Die Idee von „Denk-“, „Knall-“ und „Tank-Stellen“ wurde in die Runde gebracht und anhand verschiedener Beispiele erörtert. Kinder, die die Möglichkeit haben, sich Situationen zu entziehen, die ihnen nicht gut tun, werden in die Lage versetzt, für sich zu sorgen und können dem sog. „Dichte-Stress“, der in allen Einrichtungen mehr oder weniger auftritt, wirksam begegnen. Eine unkomplizierte Raumgestaltung hilft den Kindern, den Überblick zu behalten, sich selbst zu entfalten und sich zu regulieren. Die Möglichkeit, sich entfernen zu dürfen, erlaubt Kindern, sich einer zu lauten Umgebung zu entziehen und damit für sich selbst zu sorgen. Hier sind schon Kinder sehr individuell – dieser Individualität Rechnung zu tragen und Kindern dafür Freiräume einzuräumen, ist ein wichtiger Schritt, um Kinder nach und nach zu befähigen, selbst zu erkennen, was sie brauchen und ihnen die Regulation der eigenen Gefühlswelt zu erleichtern.

Am Nachmittag wurden Fragen der Teilnehmer*innen aufgegriffen, die sich den Themen altersspezifische Regulationshilfen, Selbstschutz, Handlungsstrategien der pädagogischen Fachkräfte, Wutauslöser und wohldosierte Balance zwischen Nähe und Distanz zum Kind widmeten. Auch hier wurde deutlich, wie wichtig die Beobachtung der Kinder ist, um einerseits sie und ihr Verhalten einschätzen zu können und andererseits den Moment sowie die Art und Weise des Eingreifens gut abschätzen zu können. Ein gut aufeinander abgestimmtes Team ist dabei unerlässlich, um diese belastenden Situationen gemeinsam tragen und flexibel handeln zu können.

Wir freuen uns als Team von 3L, Fr. Dr. rer. nat. Haug-Schnabel wieder am 29. April 2020 in der Hochschule Mittweida begrüßen zu dürfen.

Nebenstehend finden Sie die Präsentation des Fachtags zum Download.   ppt. Fachtag-Wut