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| Institut 3L | Dokumentationen | FT Verhaltensauffälligkeiten 14.01.2020 Dresden

Rückblick auf den Fachtag „Verhaltensauffälligkeiten in den ersten 6 Lebensjahren: Entwicklungsstörungen, psychische Auffälligkeiten oder Erziehungsprobleme?“ am 14.01.2020 im Hygiene-Museum Dresden.

Am Vormittag führte die Diplom-Pädagogin und analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Frau Prof. Dr. Éva Hédervári-Heller theoretisch wie praxisnah in die Thematik herausfordernden Verhaltens bei Kindern ein.

Prof. Hédervári-Heller lud in ihrem Vortrag ein, über dieses Thema nachzudenken, den Teilnehmer*innen Informationen zukommen lassen und sie zudem anzuregen, die eigene Praxis und Haltung zu überdenken.

 

 

Ein historischer Blick zurück auf den Zappelphilipp (Heinrich Hoffmann, 1846) zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich kindliches Verhalten im Laufe der Zeit bewertet wird. So galt das Verhalten des Zappelphillips Mitte des 19. Jahrhunderts als Unart, ist heute jedoch klar der medizinischen Diagnose ADHS zuzuordnen.

Die Beschäftigung mit Verhaltensauffälligkeiten legt nahe, dass diese immer im Zusammenhang mit anderen Störungen, Beeinträchtigungen oder Problemen auftreten. Sie sind also auch im Rahmen von chronischen Erkrankungen, Entwicklungsstörungen, psychischen Beeinträchtigungen oder Erziehungsproblemen einzuordnen. Für Fachkräfte stellt sich bei der Beschäftigung mit auffälligem Verhalten häufig die Frage, ob und wenn ja wie klar auffälliges Verhalten von einer psychischen Störung abgrenzbar ist. Die gefühlte Aggression scheint – Aussagen nicht weniger pädagogischer Fachkräfte – subjektiv betrachtet zuzunehmen. Doch statistische Zahlen legen nahe, dass psychische Auffälligkeiten rückläufig sind. Der KiGGS-Studie zufolge sanken die Zahlen zwischen 2014-17 im Vergleich zur Phase 2003-06 bei den 3-5-Jährigen von 17 auf 14% und bei den 3-17-Jährigen von 20 auf 17%. Nicht alle Kinder, deren Verhalten als auffällig gilt, brauchen dabei eine Behandlung; es sind etwa 30-40% (hier empfiehlt sich z. B. die Hinzuziehung des Kinderarztes, der/die ggf. weitere Schritte veranlasst). Bei der Einordnung auffälligen Verhaltens gibt es verschiedene Kriterien, die ins Gewicht fallen, wie z. B. eine Abweichung von der Norm im quantitativen oder qualitativen Sinne. Auch eine aus einem problematischen Verhalten resultierende Einschränkung gehört hier dazu oder ein Gefahrenpotential, das das Kind selbst oder andere betrifft. Die Dauer und Intensität eines beobachteten Verhaltens sollte immer beobachtet und dokumentiert werden (einmalig auftretend? Andauernder Prozess? Auslöser?). Dies sensibel wahrzunehmen ist auch im Kita-Alltag und in der Zusammenarbeit mit Familien bedeutsam. Insbesondere die Fallberatung im Team kann konstruktiv dazu beitragen, auslösende, abschwächende oder festigende Faktoren für das Verhalten herauszufinden.

Um eine Abschwächung kindlicher Verhaltensauffälligkeiten anbahnen und realistisch erreichen zu können, ist es Frau Hédervári-Heller zufolge immer notwendig, dass sich das System um das Kind herum (mit)verändert. Da die Kita eine ganz entscheidende Instanz des kindlichen Erfahrungs- und Lebensraums ist, ist sie hier direkt gefordert, indem sie Hypothesen über Strategien aufstellt, die sich im Umgang mit dem Kind als hilfreich oder hinderlich erwiesen haben. So ist es möglich, der Frage näher zu kommen, was es an Veränderungen bräuchte, um dem Kind zu helfen. Grundsätzlich sind alle Kinder kooperationsfähig, sofern sie verstanden werden bzw. sich verstanden fühlen. Alltagserfahrungen in der Kita zeichnen nicht selten ein anderes Bild. Denn Verhaltensstörungen sind eine Störung des Miteinanders (Finger & Simon, 2016) und beziehen sich immer auch auf das soziale Umfeld, auf das ein Kind reagiert bzw. in dem ein Kind agiert. Gerade bei kindlichem Verhalten, das uns mit eigenen unangenehmen Gefühlen konfrontiert, kann es schwerfallen, das Verhalten zu verstehen. Genau dies ist jedoch die anspruchsvolle Aufgabe derjenigen Erwachsenen, die das Kind begleiten und betreuen. Die Einsicht, dass das Verhalten eines Kindes immer auch als ein Lösungsversuch zu sehen ist, den das Kind unternimmt, um ein unerfülltes Bedürfnis zu kompensieren oder darauf aufmerksam zu machen, kann hierbei sehr hilfreich und entlastend wirken.

Inwiefern kindliche Verhaltensauffälligkeiten von den erwachsenen Bezugspersonen als sehr belastend oder auch überfordernd empfunden werden, hängt maßgeblich von eigenen biografischen Erfahrungen ab (z.B. Erfahrungen in konfliktreichen Situationen, selbst erfahrene Erziehungsmethoden oder auch eigene Erfahrungen mit grenzüberschreitendem Verhalten). Sehr häufig jedoch fühlen sich Erwachsene ohnmächtig, hilflos und/oder gekränkt. Dem Team und dem konstruktiven Miteinander im Team kommt hier die entscheidende Rolle zu. Die gemeinsame Verantwortung für den Umgang mit dem Kind sowie die Erarbeitung und Festlegung gemeinsamer Strategien reduzieren Ohnmachtsgefühle, da sie die individuelle Handlungssicherheit erhöhen. Erste Schritte sind der Aufbau einer verlässlichen und tragfähigen Beziehung zum Kind sowie eine Fokussierung auf die Stärken des Kindes und das Erkennen von Situationen, in denen das Problemverhalten nicht auftritt. Auch hier braucht es alle Beteiligten im System.

Beim Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten geht es sehr um die Reflexion unserer eigenen Verhaltensmuster im Umgang mit Kindern, gerade in herausfordernden Situationen. Es geht also um uns selbst, da wir die Verantwortung für die Beziehung zum Kind tragen. Das ist keine leichte Aufgabe, die jedoch sehr lohnenswert ist, wenn wir die Erfahrung machen, dass sich durch unser Zutun kindliche Verhaltensweisen abschwächen.

In Workshops am Nachmittag wurde dieser anspruchsvollen Aufgabe insofern Rechnung getragen, als dass in den 6 Workshops relevante Themen fokussiert diskutiert und erarbeitet wurden:

  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus psychische Störungen
  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus Fallberatung
  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus Heilpädagogik
  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus Aggressions-Acht
  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus Eltern
  • „Umgang mit herausforderndem Verhalten im Alltag“ – Fokus Team

 

Indem wir kindliches Verhalten verstehen lernen und (auch mit dem Kind gemeinsam) Hilfsmaßnahmen entwickeln und Lösungsvorschläge erarbeiten, eröffnen wir neue Wege und Räume für das Kind, sich auch neu und anders zu verhalten. Nur so kann es wachsen und – unter Wahrung seiner individuellen Würde – positive Selbstwirksamkeit erleben und sich in der Folge ohne eigen- oder fremdschädigende Verhaltensweisen ins soziale Miteinander einfügen.

Die von Prof. Dr. Hédervári-Heller zur Verfügung gestellte Präsentation mit den ausführlichen Informationen und Inhalten sowie Literaturempfehlungen finden Sie hier zum Download.