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| Institut 3L | Dokumentationen | FT Bindungserfahrungen 16.09.2019

Rückblick auf den Fachtag „Der Einfluss früher Bindungserfahrungen auf die pädagogische Arbeit mit Kindern“ am 16.09.2019 im Haus `An der Kreuzkirche´ in Dresden.

Die Diplom-Pädagogin und analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin

Frau Prof. Dr. Éva Hédervári-Heller führte durch den Fachtag.

 

 

 

Ein anfänglicher Blick auf die Grundkompetenzen pädagogischen Handelns, die - bestehend aus der Persönlichkeitsentwicklung, der pädagogischen Haltung und dem Fachwissen – in die persönliche Handlungskompetenz münden, verdeutlichte die Notwendigkeit und den Anspruch an pädagogische Fachkräfte, sich ausgiebig und kontinuierlich mit eigenen Kindheitserfahrungen, aber auch den eigenen Vorstellungen über Kinder an sich auseinanderzusetzen. Unser heutiges Verständnis von Kindheit charakterisiert das Kind als aktiven Lerner, das in allen Entwicklungsphasen empfindendes, fühlendes, strebendes, denkendes und lernendes Wesen ist.

In ihrer theoretischen Einführung zur Bindungstheorie (Bowlby, 1975; Grossmann & Grossmann, 7. Auflage, 2017) beschrieb Prof. Hédervári-Heller nicht nur die verschiedenen Bindungstypen, sondern betonte auch klar, dass es pädagogischen Fachkräften nicht obliegt, die Bindungsqualität eines Kindes zu bestimmen. Auch würden nicht alle Kinder, die unter Vernachlässigung im familiären Umfeld leiden, eine Bindungsstörung entwickeln. Hier spielen Resilienzfaktoren eine entscheidende protektive Rolle. Gerade die (emotionale) Anwesenheit mindestens einer Bezugsperson zeigt klar auf, welche Chancen Kinder-tageseinrichtungen bergen. Die damit verbundenen Möglichkeiten für ein Kind, gesehen und anerkannt zu werden sowie sich selbstwirksam einbringen zu können, können als bedeutende Ressource wirken. Darum wissend, dass das individuelle Bindungsverhalten veränderbar ist, wirkt entlastend für pädagogische Fachkräfte und macht den Blick frei für eine ressourcenorientierte Sicht auf das Kind, das mithilfe seines individuellen (z.B. unsicher-vermeidenden) Bindungsverhaltens seinen Alltag bewältigt und damit kompensatorisch früheren Bindungserfahrungen begegnet. Zu diesen kommen neue Erfahrungen dazu, die wiederum als innere Repräsentanzen unsere Sicht auf die Welt spiegeln und sich im Laufe des Lebens wandeln. Wir entwickeln sozusagen als Individuen ein Repräsentanzmodell von uns selbst und unserer Beziehung zu und mit anderen. Ausschlaggebend ist nicht, was wir erlebt haben, sondern wie wir über diese (frühen) Erfahrungen denken, diese (emotional) erleben und bewerten und darüber sprechen. Genau hier können wir in der Kindertagesbetreuung ansetzen. So sind Feinfühligkeit und Selbstreflexion durch die Erwachsenen als entscheidende Wirkfaktoren der Entwicklungsbegleitung von Kindern zu nennen. Dafür brauchen die Kinder pädagogische Bezugspersonen, die mit ihnen im Kontakt sind. Bindung als „gefühlsmäßiges Band“ zu einer (oder mehrerer) Bezugspersonen ist als menschliches Grundbedürfnis, das die zwei Aspekte „Bindung“ und „Exploration“ umfasst. Erst wenn sich ein Kind sicher fühlt, kann es – in Abwesenheit von Stressfaktoren – neugierig in die Welt gehen und exploratives Verhalten zeigen. Bei innerer oder äußerer Belastung wird das kindliche Bindungsverhaltenssystem aktiviert, was wir durch eine genaue Beobachtung des Kindes wahrnehmen können. Bei jüngeren Kindern kann man bspw. gut beobachten, ob sie Schutz brauchen (z.B. Anklammern, Arme ausstrecken, nachlaufen). Bei älteren Kindern hingegen ist eine mitunter genauere und sensiblere Beobachtung vonnöten, um herauszufinden, welche guten Gründe ein Kind für sein Verhalten hat und welche nicht befriedigten Grundbedürfnisse u.U. dahinterstehen. Pädagogische Fachkräfte sollten sich von einer selbstreflektierenden Haltung leiten lassen und im Team diskutieren, was das Kind braucht und wie die gemeinsam abgestimmten Handlungsoptionen der Erwachsenen aussehen könnten. Die Pädagogisierung eines psychischen Problems, das immer eine Ursache hat, führe hier nicht zur Lösung, sondern zur Manifestierung des Problems, so Hédervári-Heller. Hier gemeinsam im Team gute Strategien, auch professionsübergreifend, zu entwickeln, wird auch künftig eine wichtige Aufgabe für die Kindertagesbetreuung sein. Die Vernetzung zu Therapeuten, Ärzten, aber auch der Verweis auf Beratungsstellen, ist hier entscheidend.

Nebenstehend finden Sie die von Prof. Dr. Hédervári-Heller zur Verfügung gestellten Präsentationen zum Download.

1. ppt. Haltung

2. ppt. Bindung in der Kindheit

3. ppt. Bindung im Erwachsenenalter